Auf einen Blick (Key Takeaways)
- 24/7-Einsatz: Dolmetscher-Service im Schichtsystem während der kritischen Phase der Raffinerie-Revision.
- Hybride Rolle: Kombination aus Konsekutivdolmetschen und Überwachung der Arbeitssicherheit (HSE).
- Extrembedingungen: Arbeit auf Gerüsten, bei schwierigen Wetterverhältnissen und unter hoher körperlicher Belastung.
- Ergebnis: Fristgerechter Abschluss der Wartungsarbeiten ohne Sicherheitsvorfälle (Zero LTI).
Die Herausforderung: Wettlauf gegen die Zeit im stählernen Labyrinth
Ein Stillstand in einer Raffinerie (sogenannter Shutdown oder TAR) ist eine Operation am offenen Herzen der Anlage. Jede Stunde Ausfallzeit kostet Tausende von Euro, und der Zeitdruck ist enorm. In genau diesem Umfeld befand ich mich mit meinem Team, um ein polnisches Spezialunternehmen bei den Wartungsarbeiten an den Anlagen zu unterstützen.
Dies war physisch der anspruchsvollste Auftrag meiner Karriere. Die Arbeit fand nicht in klimatisierten Räumen statt, sondern auf mehrstöckigen Gerüsten, in der Hitze, in der prallen Sonne und oft zu unmenschlichen Nachtzeiten. Die größte Herausforderung bestand darin, trotz enormer Erschöpfung und Industrielärm eine hundertprozentige Kommunikationspräzision aufrechtzuerhalten.
Umsetzung: Der Dolmetscher als 'Safety Guardian'
In der Gefahrenzone gibt es keinen Platz für Missverständnisse. Die Rolle meines Teams ging per Definition über das klassische Dolmetschen hinaus und umfasste auch Aufgaben der Bauüberwachung. Bereits am ersten Tag absolvierten wir alle eine Schulung in diesem Bereich, die mit einem Test endete, der sowohl das Fachwissen als auch die Sprachkompetenz prüfte. Dies war unerlässlich, da die Übersetzung von Anweisungen zur Ventilmontage oder zum Rohrleitungsschweißen Hand in Hand mit der Überprüfung der Sicherheitsverfahren gehen musste. Unsere Arbeit lässt sich wie folgt charakterisieren:
- Verfahrensüberwachung: Übersetzung und Verifizierung von Arbeitserlaubnisscheinen (Permit to Work) sowie LOTO-Prozeduren vor jedem Betreten der Zone.
- Feldarbeit: Ständige Präsenz bei den Monteuren – von Ebene Null bis zur Spitze der Destillationskolonnen.
- Krisenmanagement: Blitzschnelle Reaktion auf unvorhergesehene Montageprobleme und Koordination mit der Stillstandsleitung.
- Epidemische Bedrohungslage: Das Projekt wurde während der Covid-19-Pandemie durchgeführt, und eine neue Viruswelle dezimierte mein Team sukzessive. Ich kam eigentlich nur für ein Wochenende als Vertretung, musste aber aufgrund der Ausfälle etwas länger bleiben.
Ergebnis: Erfolg durch harte Arbeit
Obwohl ich persönlich knapp zwei Wochen auf der Anlage verbrachte, übertraf die Intensität dieser Erfahrung viele mehrmonatige stationäre Aufträge. Das Projekt endete erfolgreich, die Wartungsarbeiten verliefen nach Plan, und die Anlage wurde fristgerecht wieder angefahren.
Ich ziehe den Hut vor meinem Team, das bis zum Schluss vor Ort blieb und dem widrigen Wetter, den Folgen der SARS-CoV-2-Infektionen und der extremen Erschöpfung trotzte. Ein herzliches Dankeschön für die Teilnahme an diesem Projekt geht an Kamila, Michał, Darek und Filip. Besonders an Filip, der als Letzter zum Team stieß und gleich am ersten Tag ins kalte Wasser geworfen wurde – er bekam ein Funkgerät und musste einen kroatischen Kranführer anweisen, der kein Wort Deutsch verstand.
Dieser Auftrag hat bewiesen, dass ein technischer Dolmetscher nicht nur ein "Gedächtnis für Vokabeln", sondern auch die Kondition eines Marathonläufers und Nerven aus Stahl haben muss.




