Auf einen Blick (Key Takeaways)
- E-Mobility Pivot: Übergang vom Dolmetschen klassischer Mechanik zu hochmoderner Elektronik und Zellchemie.
- Arbeitsschutz & HV: Einsatz in Hochspannungsbereichen (erforderliche Zertifikate und spezielle ESD-Bekleidung).
- Crisis Management: Organisation des Dolmetscherteams unter Isolationsbedingungen (Red/Blue Teams) ohne Beeinträchtigung der Schulungskontinuität.
- Technologie: Kenntnis von „Wedding“-Prozessen (Zusammenführung von Zellen zu Modulen) sowie des thermischen Batteriemanagements.
- Logistik in der Pandemie: Alltagsbewältigung unter Lockdown-Bedingungen, Unsicherheit und geschlossenen Grenzen.
Elektrische Revolution im Schatten der Pandemie
Das Ende des Jahres 2020 war eine Bewährungsprobe für die gesamte Industrie. Auf dem Höhepunkt der zweiten COVID-19-Welle reiste ich mit meinem Dolmetscherteam nach Kamenz in Sachsen – dem Herzen der elektrischen Transformation des Stuttgarter Automobilriesen. Das Werk der Accumotive GmbH & Co. KG ist der Ort, an dem die Batterien für die elektrifizierten Modelle von Mercedes-Benz entstehen.
Die Herausforderung war zweifach. Erstens: Die Fachmaterie. Die Dolmetscher mussten blitzschnell von der klassischen Kolben-Vokabel auf die Terminologie der E-Mobility umstellen. Statt über Injektoren und Turbinen sprachen wir über Module, Busbars, Wärmeleitpasten oder das Management des BMS (Batteriemanagementsystems).
Rote und blaue Teams: Die Logistik der Isolation
Zweitens: Die Arbeitsbedingungen. Um einen Produktionsstopp durch einen Virusausbruch zu verhindern, führte das Werk eine strikte Trennung in Rote und Blaue Teams ein. Diese Gruppen durften keinen physischen Kontakt zueinander haben – sie passierten zeitversetzt die Schleusen und nutzten getrennte Eingänge und Umkleideräume. Als Koordinator musste ich die Einsatzpläne der Dolmetscher so steuern, dass die sprachliche Unterstützung lückenlos gewährleistet war, ohne die Integrität der Teams zu gefährden. Zudem begann jeder Tag mit einer automatischen Temperaturmessung beim Security Check und endete mit der Desinfektion der Tourguide-Systeme.
High Voltage: Dolmetschen unter Spannung
Die Arbeit bei Accumotive erforderte eine völlig andere Sicherheitskultur als in einem klassischen Montagewerk. Wir bewegten uns in HV-Zonen (High Voltage), in denen die Batteriespannung bis zu 400V erreicht. Der Dolmetscher musste nicht nur das Fachvokabular beherrschen, sondern auch die Sicherheitsverfahren verstehen.
ESD-Kittel, spezielles Schuhwerk und das absolute Verbot, beide Pole gleichzeitig zu berühren, waren Standard. Wir dolmetschten bei der Montage von Modulen zu Batteriepaketen (Battery Packs), bei Helium-Lecktests sowie bei der Bedienung der HMI-Schnittstellen.
Von jedem Einsatz bringe ich Erinnerungen mit, die ich pflege und manchmal bei abendlichen Treffen im Pub erzähle. Zu den erwähnenswerten Kuriositäten dieses Projekts gehören:
- Das Löschen einer brennenden Batterie ist weitaus schwieriger, als man denkt. Es werden CO2-Löscher oder spezielle Löschwasserbecken verwendet, in die der beschädigte Akku vollständig eingetaucht wird. Das Eintauchen dient jedoch nicht dem Ersticken der Flammen (da die zerfallende Kathode den Sauerstoff direkt im Inneren der Zelle freisetzt), sondern der Wärmeabfuhr. Das Wasser fungiert als gigantischer Kühlkörper, um die benachbarten Zellen unter die Zündtemperatur abzukühlen und einen Thermal Runaway zu stoppen.
- Ein Fenster einzuschlagen ist gar nicht so einfach. Das mussten wir feststellen, als unsere Fahrer am ersten Sonntag die Wohnungsschlüssel auf der „Innenseite der Macht“ liegen ließen. Sie standen in Flip-Flops und T-Shirts da – ohne Papiere und ohne die Schlüssel für den Reisebus. Dieser kurze Ausflug zum Rauchen endete schließlich mit dem Austausch der Fensterscheiben.
- Das erfahrenste Mitglied unseres Teams – Piotr – hatte in Dresden studiert. Er führte uns nicht nur zu den Orten, an denen sich einst die Studentenkneipen befanden, sondern erzählte bei unseren Stadtrundgängen auch atemberaubende Geschichten aus alten Zeiten.
- Zu dieser Zeit wurde der Shopfloor im Werk Kamenz stark von polnischsprachigen Mitarbeitern dominiert. Alle gedruckten Informationen waren zweisprachig verfasst. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, es handele sich um ein polnisches Werk, in dem eine Gruppe deutscher Gastarbeiter tätig ist.
Trotz der schwierigen Bedingungen (Lockdown, geschlossene Restaurants, leere Straßen in Dresden) war dieses Projekt ein faszinierendes Fenster in die Zukunft der Mobilität. Die Steaks, die wir uns im Zentrum des verlassenen Dresdens gönnten, wurden zu unserem kleinen Ritual, um in abnormalen Zeiten ein Stück Normalität zu bewahren.




